INITIWISEKI-Strategie

Branche

Versicherungen

Neun belegte Anwendungsfälle aus Underwriting, Schaden, Leistung und Betrieb — jeweils mit dem Nutzenhebel, an dem die Branche sie misst, und dem Aufwand, der sie in Bestandssystemen und unter Aufsichtsrecht teuer macht.

Einordnung

Versicherer verdienen an zwei Stellen: an der Zeichnung und am Schaden. Beides läuft in einer Zahl zusammen, der Combined Ratio, die Schadenaufwendungen und Kosten ins Verhältnis zu den Beiträgen setzt und in Schadenquote plus Kostenquote zerfällt. Deshalb ist die erste Frage an jeden KI-Anwendungsfall in dieser Branche nicht, wie gut das Modell ist, sondern auf welche Hälfte dieser Zahl er wirkt. Eine schnellere Schriftgutsteuerung im Posteingang und eine höhere Betrugsaufdeckung stehen in derselben Liste, zahlen aber auf verschiedene Teile derselben Kennzahl ein — und konkurrieren trotzdem um dasselbe Budget und dieselben Leute im Innendienst.

Für den Automatisierungsgrad gibt es in der Assekuranz eine eigene Größe, die es sonst nirgends gibt: die Dunkelverarbeitungsquote, also den Anteil der Geschäftsvorfälle, die ohne Eingriff eines Sachbearbeiters fallabschließend bearbeitet werden. Die Sach- und Unfallversicherer lagen 2023 bei 33,5 Prozent gegenüber 23 Prozent im Jahr 2019, die Krankenversicherer bei 32,5 gegenüber 18,5 Prozent (GDV, veröffentlicht 11.11.2024). Diese Werte liegen öffentlich nur je Sparte vor, nicht je Prozessart — wer für den Schadenprozess eine Ausgangsbasis braucht, muss sie im eigenen Haus erheben. Genau dieses Mengengerüst entscheidet später über die Wirtschaftlichkeit: Ein Fall, der 5 bis 10 Euro je Schadenfall bringt, rechnet sich erst ab einer Fallzahl, die das Haus kennen muss, bevor es das Modell auswählt.

Über die Aufwandsseite entscheidet in dieser Branche die Sparte, in der ein Fall läuft. Derselbe Arbeitsschritt — Risikoprüfung und Tarifierung — ist in Komposit ein Standardfall und in der Lebens- und Krankenversicherung ein Hochrisiko-Fall nach Anhang III Nr. 5 lit. d der KI-Verordnung, mit Pflichten zu Risikomanagement, Daten-Governance, technischer Dokumentation, menschlicher Aufsicht und Konformitätsbewertung. Diese Pflichten greifen seit der Änderung durch die Verordnung (EU) 2026/1744 vom 27.07.2026 ab dem 2. Dezember 2027; sie gelten also noch nicht, sie stehen im Kalender. Dazu kommt die nationale Ebene, und die gilt bereits: Die MaGo-Novelle 2025 verlangt für automatisierte Geschäftsabläufe eine transparente Abbildung und die Wahrung der Funktionstrennung. Damit gehört die Übersteuerbarkeit durch den Sachbearbeiter zum Pflichtumfang eines Dunkelverarbeitungs-Falls, und sie deckelt den erreichbaren Automatisierungsgrad, bevor die erste Zeile Code geschrieben ist.

Was den Nutzen begrenzt, ist selten das Modell und fast immer der Bestand: Bedingungswerke über viele Tarifgenerationen, Kernsysteme mit 20 bis 30 Jahren Laufzeit, die bis zu 70 Prozent des IT-Budgets im reinen Betrieb binden, und Vertragsdaten, die im CRM unvollständig gepflegt sind. Gleichzeitig verschiebt die Demografie die Rechnung: über 30 Prozent der Mitarbeitenden deutscher Versicherer gehen in den kommenden fünf bis zehn Jahren in den Ruhestand, der Business Case ist deshalb meist nicht Personalabbau, sondern dasselbe Volumen mit schrumpfender Mannschaft. Die Zahlen zu den Fällen unten stammen überwiegend aus dem Bitkom-Whitepaper „Beyond the Pilot“, in dem die beteiligten Anbieter ihre eigenen Projekte beschreiben. Sie taugen als Größenordnung und als Beleg dafür, dass ein Fall produktiv läuft — nicht als Benchmark, gegen den sich ein Haus messen sollte.

Begriffe, die in diesem Geschäft selbstverständlich sind:

  • Underwriting / Zeichnung — die bewusste Zeichnung von Risiken unter versicherungsmathematischen und betriebswirtschaftlichen Grundsätzen
  • Zeichnungsrichtlinie, Zeichnungsparameter, Zeichnungsgrenze
  • Referral — Vorlage eines Grenzfalls an den Underwriter
  • Sparte (Schaden/Unfall, Leben, Kranken, Rechtsschutz, Transport, Kredit/Kaution)
  • Komposit — Sammelbegriff für die Schaden- und Unfallsparten
  • Bedingungswerk / AVB, spartenspezifisch AKB, VHB, VGB
  • Tarifgeneration — welcher Bedingungsstand im Vertrag policiert ist
  • Deckungsfrage, Deckungszusage, materielle Deckungsprüfung
  • Ausschluss, Obliegenheit, Subsidiaritätsklausel, Selbstbehalt
  • Schadenakte, Schadenerstmeldung (FNOL), Regulierung, Regulierungsvollmacht
  • Vorbehalt und Kulanz — Regulierung ohne Anerkennung einer Rechtspflicht
  • Schadensteuerung, Partnerwerkstatt, Restwertbörse, Sachverständiger
  • Vorschaden — bereits vorhandener Schaden am selben Objekt
  • Schadenrückstellung, Spätschäden (IBNR), Schadenaufwand, Schadeninflation
  • Dunkelverarbeitung und Dunkelverarbeitungsquote — Anteil der Geschäftsvorfälle, die ohne Eingriff eines Sachbearbeiters fallabschließend bearbeitet werden
  • Bestandsführung, Policierung, Storno, Stornoquote, Beitragsanpassung
  • Leistungsprüfung, Leistungsbeleg, Erstattung (Krankenversicherung)
  • GOÄ, GOZ, DRG — die Abrechnungssystematiken, gegen die geprüft wird
  • Antragsprüfung und Risikoprüfung (Leben/Kranken), Unisex-Tarif
  • bAV und pAV — betriebliche und private Altersvorsorge
  • Assekuradeur, Makler nach § 34d GewO, Maklermandat, Courtage
  • Vermittler, Bestandsprovision, Neugeschäftsbeitrag
  • Rückversicherung, Zession, Kumul, Kumulsteuerung
  • Combined Ratio / Schaden-Kosten-Quote, Schadenquote, Kostenquote
  • Solvency II, SCR, ORSA, Verantwortlicher Aktuar, DAV
  • MaGo — Mindestanforderungen an die Geschäftsorganisation (BaFin-Rundschreiben)
  • Ausgliederung / Outsourcing im aufsichtsrechtlichen Sinne
  • BiPRO-Normen und GDV-Datensatz — die Austauschstandards zwischen Versicherer, Vermittler und Bestandssystem
  • Schriftgut, Posteingang, Nutzdatenextraktion, Vorgangssteuerung
  • Kernsystem / Bestandsführungssystem, Partnersystem, Schadensystem, Provisionssystem

Anwendungsfälle

Dunkelverarbeitung von Standardschäden

Prozess
Schadenmeldung entgegennehmen, Schadenakte anlegen, Fotos und Rechnungen auf Vollständigkeit prüfen und Fehlendes nachfordern, materielle Deckungsprüfung gegen das Bedingungswerk der jeweiligen Tarifgeneration, Regulierungsentscheid, Zahlungsanweisung. Zielzustand ist der Geschäftsvorfall, der ohne Eingriff eines Sachbearbeiters fallabschließend durchläuft — die Definition, die der GDV der Dunkelverarbeitungsquote zugrunde legt.
Nutzenhebel
DOMCURA berichtet für den KI-Mitarbeiter „KIM“ eine durchschnittliche Bearbeitungszeit von 6 bis 8 Wochen auf wenige Tage, bei vollständigen Unterlagen auf 10 Minuten; Schäden bis 3.500 Euro Schadenhöhe werden vollautomatisch inklusive materieller Deckungsprüfung reguliert, und 12 unbesetzte Stellen einer 43-köpfigen Schadenabteilung wurden ersatzlos gestrichen. Branchenrahmen: die Dunkelverarbeitungsquote der Sach- und Unfallversicherer lag 2023 bei 33,5 Prozent gegenüber 23 Prozent im Jahr 2019 (GDV, 11.11.2024) — jeder gewonnene Prozentpunkt schlägt über die Kostenquote in die Combined Ratio durch.
Aufwandstreiber
Die materielle Deckungsprüfung ist kein Klassifikationsproblem, sondern ein Abgleich gegen historisch gewachsene Bedingungswerke über viele Tarifgenerationen hinweg, die im Bestandsführungssystem liegen — Kernsysteme mit 20 bis 30 Jahren Laufzeit, die bis zu 70 Prozent des IT-Budgets allein für den Betrieb binden (IT-Finanzmagazin, 05.11.2025). Dazu verlangt die MaGo-Novelle 2025 für automatisierte Geschäftsabläufe, dass sie transparent abgebildet werden und die Funktionstrennung gewahrt bleibt; der Sachbearbeiter muss jeden automatisch getroffenen Regulierungsentscheid übersteuern können, und diese Rückfallebene ist mitzubauen.

Beleg: Bitkom, Whitepaper „Beyond the Pilot – Künstliche Intelligenz in der Versicherungswirtschaft“, S. 14–15 (DOMCURA/KIM) · Stand: März 2026

Schadenerstbewertung und Schadensteuerung im Kfz-Schaden

Prozess
Schadenerstmeldung über den bestehenden Kanal — überwiegend telefonisch — aufnehmen, Deckung prüfen, die Unfallparteien in Partnerwerkstätten steuern, die Schadenhöhe validieren, auf Betrugsindikatoren prüfen und in eindeutigen Fällen direkt auszahlen, sonst eine begründete Zahlungsempfehlung an den Versicherer geben.
Nutzenhebel
inca Solutions berichtet aus dem Einsatz bei einer deutschen Kfz-Versicherung, dass jeder Bearbeitungsschritt innerhalb von 24 Stunden erfolgte, die Schadenkosten um rund sieben Prozent sanken und Rückstände abgebaut wurden; die Plattform arbeitet mit über 250 vortrainierten KI-Agenten, die Next-Best-Actions anstoßen. Der Hebel sitzt damit nicht in der Kostenquote, sondern im Schadenaufwand — dem größten Block der Combined Ratio, die der GDV für 2024 mit 99,6 Prozent ausweist.
Aufwandstreiber
Schadensteuerung ist zuerst ein Vertrags- und Netzwerkthema — Partnerwerkstätten, Sachverständige, Restwertbörsen — und erst danach ein Modellthema: Nutzen entsteht nur, wenn die Steuerungsquote tatsächlich steigt. Die Prozesse sind stark manuell geprägt und in Altsystemen verankert, und über 30 Prozent der Mitarbeitenden gehen in den kommenden fünf bis zehn Jahren in den Ruhestand, während die Nachbesetzung am Fachkräftemangel scheitert. Dass im beschriebenen Fall Nutzerzugänge zum Schadensystem genügten und keine tiefe IT-Integration nötig war, ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Beleg: Bitkom, „Beyond the Pilot“, S. 11–12 (inca Solutions GmbH) · Stand: März 2026

Betrugserkennung mit Bild- und Dokumentenforensik

Prozess
Eingereichte Schadenfotos, Rechnungen und Kaufbelege vor der Regulierung automatisiert auf Strukturmerkmale, Dateieigenschaften, Metadaten, Dubletten und Internetquellen prüfen, auffällige Bildbereiche lokalisieren und markieren, das Ergebnis als Ampelsignal an die Schadenabteilung zurückgeben, die den Fall in den Standardprozess oder in die vertiefte Prüfung der Betrugsabwehr steuert.
Nutzenhebel
VAARHAFT berichtet aus dem Piloten mit der Grundeigentümer-Versicherung (September 2024 bis Februar 2025): 1.168 Schadenfälle mit 3.972 Bildern automatisiert analysiert, 1,4 Prozent der Fälle als bildbasierter Betrug bestätigt, Erkennungsgenauigkeit 95,4 Prozent, direkte Einsparung im Piloten 6.284 Euro, hochgerechnet auf 18.000 Schadenfälle pro Jahr über 100.000 Euro jährlich — also 5 bis 10 Euro je Schadenfall. a68 berichtet mit INZMO 130 Prozent mehr identifizierte Betrugsfälle bei 52 Prozent schnellerer Schadenbearbeitung innerhalb von drei Monaten. Branchenrahmen: der GDV beziffert den Betrugsschaden auf über sechs Milliarden Euro pro Jahr, rund zehn Prozent aller Schadenmeldungen gelten als auffällig, die Hälfte davon entfällt auf Kfz (GDV, 02.05.2024).
Aufwandstreiber
Der Nutzen hängt fast vollständig an Basisquote und Volumen: bei 5 bis 10 Euro je geprüftem Schadenfall entscheidet die Bezugsgröße „Schadenfälle pro Jahr“ über die Wirtschaftlichkeit, und zwar in einem Ausmaß, gegen das eine bessere Erkennungsrate wenig ausrichtet. Gegenläufig wirken False Positives: eine zu Unrecht verzögerte Regulierung kostet Kundenvertrauen und kollidiert mit den Fälligkeitspflichten aus dem Versicherungsvertrag. Zusätzlich läuft ein Wettrüsten — generative Bildwerkzeuge senken die Einstiegshürde für visuellen Betrug laufend, das Modell veraltet also aktiv.

Beleg: Bitkom, „Beyond the Pilot“, S. 12–14 (VAARHAFT/Grundeigentümer-Versicherung; a68/INZMO) · Stand: März 2026

Deckungsprüfung gegen Bedingungswerke

Prozess
Deckungsfrage von Kunde, Makler oder Assekuradeur entgegennehmen, die einschlägige Klausel im richtigen Bedingungswerk der zutreffenden Tarifgeneration auffinden, sie mit dem konkret geschilderten Risiko unter Berücksichtigung von Ausschlüssen und Obliegenheiten abgleichen und eine begründete, belegte Deckungsauskunft geben.
Nutzenhebel
Finlex greift auf über 300 Versicherungsbedingungen sowie von Expertinnen und Experten erstellte Synopsen zu. Erklärtes Ziel innerhalb der ersten drei bis sechs Monate: den Zeitaufwand für die Analyse von Versicherungsbedingungen um 40 bis 60 Prozent senken und die Bearbeitungszeit für häufige Deckungsanfragen von Maklern an Assekuradeure um 50 bis 70 Prozent verkürzen — damit mehr Anfragen ohne zusätzliches Personal bearbeitet werden.
Aufwandstreiber
Bedingungswerke sind juristische Texte mit Ausschlüssen, Obliegenheiten und Subsidiaritätsklauseln; die richtige Antwort hängt daran, welche Tarifgeneration im Vertrag policiert ist — dieselbe Frage hat je nach Bedingungsstand ein anderes Ergebnis. Weil eine erteilte Deckungszusage bindet, ist der Fall bewusst als Vorschlag mit anschließender fachlicher Prüfung gebaut und nicht als Automat; die Ergebnisse werden kontinuierlich manuell überprüft und evaluiert. Das begrenzt den Automatisierungsgrad strukturell und muss in der Aufwandsbewertung stehen.

Beleg: Bitkom, „Beyond the Pilot“, S. 9–10 (Finlex GmbH) · Stand: März 2026

Underwriting-Vorprüfung und Risikoklassifikation im KMU-Neugeschäft

Prozess
Geeignete Risiken identifizieren, Branche und Tätigkeit auf Basis externer Unternehmens- und Webdaten klassifizieren, gegen interne Zeichnungsparameter und Zeichnungsgrenzen vorprüfen, auf passende Makler matchen und Grenzfälle als Referral an den Underwriter geben.
Nutzenhebel
Markel Prime: rund 100.000 analysierte Unternehmen, die Vorprüfung eines Unternehmens dauert im Durchschnitt neun Sekunden, etwa 400 aktive Makler nutzen die Plattform mit bis zu vier Matchings pro Makler und Tag; live in Deutschland in den Verticals IT, Media und Beratungs-Haftpflicht. Der Hebel liegt ausdrücklich in der proaktiven Marktansprache und damit im Neugeschäft, nicht allein in der Automatisierung bestehender Abläufe.
Aufwandstreiber
Die Zeichnungshoheit muss beim Underwriter bleiben: unterstützt werden Klassifikation, Vorprüfung und Matching, ausdrücklich nicht die autonome Risikozusage — Regeln, Zeichnungsgrenzen und Review-Mechanismen definieren die Underwriter. Zeichnungsrichtlinien und Kumulsteuerung sind proprietär und in keinem Standardmodell abbildbar, externe Firmendaten sind qualitativ heikel, weshalb integrierte Datenqualitätsprüfungen Teil der Lösung sind. Entscheidend für die Aufwandsbewertung: derselbe Arbeitsschritt kippt in der Lebens- und Krankenversicherung in den Hochrisikobereich der KI-Verordnung, in der Kompositversicherung nicht.

Beleg: Bitkom, „Beyond the Pilot“, S. 8–9 (Markel S.E.); KI-Verordnung Anhang III Nr. 5 lit. d · Stand: März 2026

Posteingangsklassifikation und Nutzdatenextraktion

Prozess
Physische Eingangspost scannen, per OCR erfassen, Vertragsnummer, Kunde und Dokumententyp automatisiert extrahieren, dem Vorgang im CRM beziehungsweise Kernsystem zuordnen und eine Aufgabe für den zuständigen Account Manager oder Sachbearbeiter anlegen.
Nutzenhebel
MRH Trowe berichtet gemeinsam mit AWS: die Durchlaufzeit sank von häufig mehr als drei Tagen auf rund 180 Sekunden bis zur Ablage im CRM; allein die manuelle Suche nach Vertragsnummer und Kunde hatte zuvor rund 45 Sekunden pro Vorgang gekostet und musste teils mehrfach wiederholt werden. Die Kosten je Brief liegen bei etwa 0,14 US-Dollar gegenüber einem Zielwert von 0,25 US-Dollar, die Erkennungsrate der extrahierten Informationen bei rund 95 Prozent, etwa jedes zweite Dokument läuft vollständig Ende-zu-Ende automatisiert. Branchenrahmen: Papierpost ist trotz Rückgang von 36 Prozent (2019) auf 23 Prozent (2023) weiterhin knapp ein Viertel der Kundenkommunikation (GDV-Erhebung, November 2024).
Aufwandstreiber
Der begrenzende Faktor ist nicht das Modell, sondern der Bestand: die verbleibenden Einschränkungen ergeben sich laut Projektbericht vor allem aus unvollständig gepflegten Vertragsnummern im CRM. Dazu kommt die Heterogenität der Dokumente — annehmbar waren nur grundlegende Merkmale wie die typischen Positionen von Absender und Empfänger; die Fehlerquote sank erst über eine „digitale Faltung“ der Dokumente in Quadranten, die zugleich den Tokenverbrauch senkte. Der Erfolg hing damit an Datenvorbereitung und Prozessauswahl — hohes Volumen, geringes Fehlerrisiko —, nicht an Modell oder Prompt.

Beleg: Bitkom, „Beyond the Pilot“, S. 18–19 (MRH Trowe Holding AG / AWS) · Stand: März 2026

Rechnungs- und Leistungsprüfung in der Krankenversicherung

Prozess
Eingereichten Leistungsbeleg erfassen — Klinikrechnung nach DRG, ärztliche Liquidation nach GOÄ oder GOZ —, gegen den Tarif auf den erstattungsfähigen Anspruch abgleichen, Abrechnung und Plausibilität prüfen, Erstattungsentscheid treffen und bei Auffälligkeit in die detaillierte Prüfung weiterleiten.
Nutzenhebel
Die Versicherungskammer Bayern setzt mit dem eigenentwickelten System „StARS“ rund 100.000 Klinikrechnungen pro Jahr um: der Ressourcenaufwand sank um 25 Prozent, die Zahl der detaillierten Prüfungen um rund 30 Prozent, während die eingesparte Summe durch den KI-Einsatz 30 Prozent höher lag als zuvor — durchschnittlich rund fünf Millionen Euro Einsparung pro Jahr bei doppelt so hoher Trefferquote (Ärzte Zeitung, 10.12.2019). Branchenrahmen: die Dunkelverarbeitungsquote der Krankenversicherer stieg von 18,5 Prozent (2019) auf 32,5 Prozent (2023).
Aufwandstreiber
Hier liegen die höchsten regulatorischen Anforderungen der Branche übereinander: verarbeitet werden Gesundheitsdaten als besondere Kategorie personenbezogener Daten, und in derselben Sparte stuft Anhang III Nr. 5 lit. d der KI-Verordnung KI-Systeme für Risikobewertung und Preisbildung als Hochrisiko-Systeme ein — mit Pflichten zu Risikomanagement, Daten-Governance, technischer Dokumentation, menschlicher Aufsicht und Konformitätsbewertung. Fachlich kommt hinzu, dass GOÄ- und GOZ-Ziffern samt Analogbewertungen auslegungsbedürftig sind: Wer prüft, wendet Gebührenrecht an und rechnet nicht nur nach.

Beleg: Ärzte Zeitung, „Rechnungsprüfung auf neue Füße gestellt“ (Versicherungskammer Bayern, System StARS) · Stand: 10.12.2019

Bestands- und Vertragsanalyse im Vorsorgegeschäft (bAV und pAV)

Prozess
Unstrukturierte Vertragsdokumente bestehender bAV- und pAV-Verträge auslesen, Kosten-, Beitrags- und Investmentstruktur transparent aufbereiten, den Bedarf ermitteln, das Onboarding bis zur Aktivierung der bAV für Mitarbeitende im Self-Service führen und die Verträge laufend administrieren und anpassen.
Nutzenhebel
DYNO berichtet, dass die Direktaktivierung von bAV-Lösungen ohne Sales- oder Customer-Success-Unterstützung von 35 auf 51 Prozent stieg und die Akzeptanzquote KI-gestützter Antworten bei 91 Prozent liegt; für den Versicherer entsteht ein höherer Rohertrag, weil kostenintensive Provisionsstrukturen nicht vorfinanziert werden müssen. Zur Einordnung der Größenordnung: die Allianz plant in ihrer Konzernstrategie mit rund 0,5 Prozentpunkten zusätzlichem Vertragswachstum allein aus Stornovermeidung.
Aufwandstreiber
Der Fall trifft unmittelbar auf Beratungs- und Dokumentationspflichten in der Vermittlung, weshalb die Lösung explizit auf erklärbare Modelle, transparente Entscheidungslogiken und Audit-Trails ausgelegt ist, um DSGVO, DORA und KI-Verordnung zu erfüllen. Fachlich erschwerend: Vorsorgeverträge liegen über viele Tarifgenerationen und Produktwelten verteilt, die Vertragsstrukturen sind komplex und intransparent — genau der Zustand, den die Analyse erst auflösen soll. Der Nutzen entsteht dabei nicht am Abschluss, sondern über die Laufzeit.

Beleg: Bitkom, „Beyond the Pilot“, S. 17–18 (DYNO) und S. 21–22 (Allianz, KI-Strategie) · Stand: März 2026

Automatisierte Compliance-Prüfung von Mitarbeiter-Eigengeschäften

Prozess
Depotauszüge meldepflichtiger Mitarbeitender erfassen — bislang als PDF oder in Papierform —, Transaktionen und Bestände einschließlich Derivaten und indirekter Beteiligungen über Fonds und Zertifikate auslesen, gegen Blacklists, Sperrlisten und Mandate abgleichen und der Compliance-Abteilung potenzielle Verstöße signalisieren.
Nutzenhebel
wealthAPI berichtet für den Compliance Manager einen um bis zu 90 Prozent geringeren manuellen Prüfaufwand und eine Reaktionszeit von einer mehrtägigen Prüfung auf Echtzeit-Ergebnisse; angebunden sind über 3.500 Banken. Gemessen wird der Nutzen an hochqualifizierter Compliance-Kapazität, die für Risikoanalyse und Governance frei wird, und an der Reduktion regulatorischer Risiken.
Aufwandstreiber
Der Fall lebt von der Datenanbindung, nicht von der Modellgüte — der Aufwand steckt in Bankenschnittstellen und in der Auflösung indirekter Beteiligungen bis auf den Basiswert. Dazu kommen die Betriebsanforderungen des regulierten Umfelds: ISO-27001-Zertifizierung, DSGVO-Konformität und Hosting in Deutschland stehen am Anfang der Auswahl und nicht am Ende. Weil Beschäftigtendaten ausgewertet werden, ist der Fall in Deutschland zusätzlich mitbestimmungsrelevant.

Beleg: Bitkom, „Beyond the Pilot“, S. 20–21 (wealthAPI GmbH) · Stand: März 2026

Hürden

Leben und Kranken: Risikobewertung und Preisbildung sind Hochrisiko — ab dem 02.12.2027

Anhang III Nr. 5 lit. d der KI-Verordnung erfasst KI-Systeme, die bestimmungsgemäß für die Risikobewertung und Preisbildung in Bezug auf natürliche Personen im Fall von Lebens- und Krankenversicherungen verwendet werden sollen. Damit greifen Pflichten zu Risikomanagementsystem, Daten-Governance, technischer Dokumentation, Aufzeichnung, Transparenz, menschlicher Aufsicht, Genauigkeit, Robustheit und Cybersicherheit, Qualitätsmanagementsystem und regelmäßiger Konformitätsbewertung. Der Zeitpunkt hat sich verschoben: Die Verordnung (EU) 2026/1744 („Digital Omnibus on AI“, in Kraft seit dem 27.07.2026) hat Art. 113 Abs. 3 lit. c geändert, sodass Kapitel III Abschnitte 1 bis 3 für Anhang-III-Systeme erst ab dem 2. Dezember 2027 gelten — und Anhang III Nr. 5 lit. d ist ein Fall des Art. 6 Abs. 2 und damit von der Verschiebung erfasst. Die vielfach zitierte Einordnung der Deutschen Aktuarvereinigung vom 19.12.2024 gibt den Stand VOR dieser Änderung wieder und nennt deshalb noch den 2. August 2026. Für die Priorisierung heißt das zweierlei: Derselbe Arbeitsschritt ist in Komposit ein Standardfall und in Leben oder Kranken ein Hochrisikofall mit einem völlig anderen Aufwandsprofil — und für den Aufbau dieses Aufwandsprofils bleibt bis Ende 2027 Zeit, die eine Priorisierung nutzen kann.

Beleg: KI-Verordnung (EU) 2024/1689 in der konsolidierten Fassung, Anhang III Nr. 5 lit. d und Art. 113 Abs. 3 lit. c (geändert durch Verordnung (EU) 2026/1744) · Stand: Fassung vom 27.07.2026, abgerufen 28.08.2026

Die eigenen Personalprozesse fallen ebenfalls unter Anhang III

Anhang III Nr. 4 der KI-Verordnung stuft KI-Systeme für Einstellung und Auswahl sowie für Entscheidungen über Arbeitsbedingungen, Beförderungen und Kündigungen als Hochrisiko ein; die daran hängenden Pflichten greifen wie bei Nr. 5 lit. d ab dem 2. Dezember 2027. Das trifft die Personalprozesse des Versicherers selbst — ein Bereich, den Use-Case-Listen der Branche regelmäßig übersehen, weil sie entlang der Wertschöpfungskette und nicht entlang der eigenen Verwaltung gebaut werden. Unabhängig von der KI-Verordnung gelten für diese Fälle heute schon Art. 22 DSGVO und die Beteiligungsrechte des Betriebsverfassungsgesetzes.

Beleg: KI-Verordnung (EU) 2024/1689, Anhang III Nr. 4 · Stand: abgerufen 08/2026

MaGo-Novelle 2025: eigenes Kapitel zu automatisierten Geschäftsabläufen

Das BaFin-Rundschreiben 09/2025 (VA) enthält erstmals ein eigenes Kapitel zu automatisierten Geschäftsabläufen und verknüpft die nationalen Anforderungen an die Geschäftsorganisation ausdrücklich mit DORA und der KI-Verordnung. Automatisierte Prozesse sind transparent abzubilden, die Funktionstrennung muss gewahrt bleiben. Das ist die konkrete deutsche Aufsichtsanforderung an jeden Dunkelverarbeitungs-Use-Case — und der Grund, warum der erreichbare Automatisierungsgrad vor der Bewertung feststehen muss, nicht danach.

Beleg: BaFin, Rundschreiben 09/2025 (VA) — MaGo für Versicherungsunternehmen · Stand: veröffentlicht 14.07.2025, anzuwenden seit 14.10.2025

KI-Systeme sind IKT-Assets im Sinne von DORA

Die Risiken von KI-Systemen sind IKT-Risiken und damit integraler Bestandteil des IKT-Risikomanagements nach DORA — inklusive Erfassung, Steuerung und Drittparteienmanagement. Für die Aufwandsschätzung wirkt das in beide Richtungen: der Fall erbt die DORA-Pflichten, aber viele bereits für DORA gebaute Lösungen lassen sich auf KI-Systeme übertragen.

Beleg: Bitkom, „Beyond the Pilot“, S. 25 und S. 27 · Stand: März 2026

Der AI Act kommt nicht auf die grüne Wiese

Durch Solvency II verfügen Versicherer über eine ausgeprägte Governance mit eingespielten Gremien, Kontrollen und Berichtswegen. Neue KI-Anforderungen müssen dort integriert werden, statt daneben aufgebaut zu werden. Der Bitkom-Report warnt ausdrücklich davor, den KI-Einsatz auf den AI Act zu verengen; nötig ist die Sicht auf AI Act, DORA, DSGVO und MaGo zusammen.

Beleg: Bitkom, „Beyond the Pilot“, S. 24–27 · Stand: März 2026

Gesundheitsdaten als besondere Kategorie

In Kranken- und Lebensversicherung werden Gesundheitsdaten im Training und im Betrieb verarbeitet. Der Bitkom-Report benennt als zentrale Herausforderung, DSGVO und AI Act so zusammenzuführen, dass Grundrechte und Datenschutz gesichert bleiben, ohne Innovation zu hemmen; der kürzlich veröffentlichte AI Omnibus erlaubt unter strengen Auflagen die Verarbeitung personenbezogener und sensibler Daten für Hochrisiko-Systeme und gilt als erster Brückenschlag.

Beleg: Bitkom, „Beyond the Pilot“, S. 25–26 · Stand: März 2026

Diskriminierungsfreiheit in der Tarifierung

Eine unterschiedliche Behandlung wegen Religion, Behinderung, Alter oder sexueller Identität ist im Versicherungsverhältnis nur zulässig, wenn sie auf anerkannten Prinzipien risikoadäquater Kalkulation beruht, insbesondere auf einer versicherungsmathematisch ermittelten Risikobewertung unter Heranziehung statistischer Erhebungen. Das Geschlecht darf seit dem 21.12.2012 nicht mehr zu unterschiedlichen Prämien führen. Ein Modell, das über Proxy-Variablen faktisch re-diskriminiert, ist damit nicht nur ethisch, sondern zivilrechtlich angreifbar — und die Rechtfertigungslast liegt beim Versicherer.

Beleg: § 20 AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) · Stand: Unisex-Pflicht seit 21.12.2012

Gewachsene Kernsystemlandschaft

Bis zu 70 Prozent des IT-Budgets sind für den Betrieb von Legacy-Systemen gebunden, rund 13 Anbieter von Versicherungskernsystemen sind in Deutschland präsent, die Landschaften sind durch Fusionen und Übernahmen fragmentiert, und es besteht eine Talentlücke bei Legacy-Sprachen. Bestandssysteme laufen 20 bis 30 Jahre; Deutschland und die Schweiz zählen weltweit zu den Märkten mit der höchsten Dichte an Altsystemen. Jeder Use Case, der ins Kernsystem zurückschreiben muss, trägt diesen Aufwand mit — und jeder, der es nicht muss, ist deshalb allein schon günstiger.

Beleg: IT-Finanzmagazin, „Versicherungs-Kernsysteme auf KI vorbereiten“ · Stand: 05.11.2025

Datenqualität im Bestand ist der Engpass, nicht das Modell

Bei MRH Trowe ergeben sich die verbliebenen Einschränkungen vor allem durch unvollständig gepflegte Vertragsnummern im CRM. Die Allianz adressiert das strukturell über Data Products — wiederverwendbare, redundanzfreie Datasets mit klarem Owner und klaren Regeln für Datenqualität und Metadaten-Management — und hält fest, dass eine KI Unternehmensdaten nur dann richtig interpretiert, wenn ihr Glossar und Katalog mit vollständigen Feldbeschreibungen zur Verfügung stehen. Wer die Datenaufbereitung nicht in die Aufwandsschätzung schreibt, schätzt den falschen Fall.

Beleg: Bitkom, „Beyond the Pilot“, S. 19 und S. 22 · Stand: März 2026

Die MaGo erzeugt genau die Daten, über die der Betriebsrat mitbestimmt

Die MaGo verlangt für automatisierte Geschäftsabläufe Transparenz und die Übersteuerbarkeit durch den Sachbearbeiter. Wer das umsetzt, protokolliert jede Übersteuerung mit Zeitstempel und Bearbeiterkennung — und hat damit eine Leistungsstatistik je Sachbearbeiter im Haus, ob er sie auswerten will oder nicht. Genau daran hängt das erzwingbare Mitbestimmungsrecht aus § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG: Es genügt, dass die technische Einrichtung zur Überwachung von Verhalten oder Leistung geeignet ist. Der Betriebsrat ist also nicht am Modell zu beteiligen, sondern an der Protokollierung und an den Auswertungsrechten darauf; scheitert die Einigung, entscheidet die Einigungsstelle nach § 87 Abs. 2 BetrVG. Zwei Stellen im Fahrplan sind damit gesetzt: die Verhandlung über Aufbewahrungsfrist und Auswertungstiefe der Übersteuerungsprotokolle, und die Frage, wer im Innendienst auf eine Auswertung je Person zugreifen darf.

Beleg: § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG; Bitkom, Leitfaden „Künstliche Intelligenz und Mitbestimmung“ (Februar 2026) · Stand: abgerufen 08/2026

Demografie: Treiber und Hürde zugleich

Über 30 Prozent der Mitarbeitenden deutscher Versicherer gehen in den kommenden fünf bis zehn Jahren in den Ruhestand, während der Fachkräftemangel die Nachbesetzung erschwert. Bei DOMCURA wurden 12 Stellen in einer 43-köpfigen Schadenabteilung gestrichen, weil sie ohnehin nicht besetzt werden konnten. Das verschiebt die Nutzenrechnung: der Business Case ist häufig nicht Personalabbau, sondern die Bearbeitung eines gleichbleibenden Volumens mit schrumpfender Mannschaft — und das Erfahrungswissen, aus dem Trainings- und Steuerungsgrundlage gebaut werden, fließt gerade ab.

Beleg: Bitkom, „Beyond the Pilot“, S. 11 und S. 15 · Stand: März 2026

Institutionelle Vorsicht ist begründet, nicht träge

In der Deloitte CFO Signals Survey Q4/2024 wird das Risiko, KI-Anwendungen im Unternehmen einzusetzen, mit 51 Prozent als größtes internes Geschäftsrisiko wahrgenommen — während gleichzeitig 46 Prozent ihre KI-Investitionen im Finanz- und Risikomanagement in den nächsten zwölf Monaten ausbauen wollen. Wer in dieser Branche priorisiert, priorisiert gegen eine begründete Vorsicht und braucht deshalb eine Bewertung, die den Aufwand ebenso belegt wie den Nutzen.

Beleg: Deloitte CFO Signals Survey Q4/2024, zitiert in Bitkom, „Beyond the Pilot“, S. 24 · Stand: März 2026

Kennzahlen

In diesen Größen misst die Branche Wirkung. Wer den Nutzen eines Anwendungsfalls beziffern will, rechnet in ihnen — nicht in Modellgüte.

  • Combined Ratio (Schaden-Kosten-Quote) — die Leitkennzahl der Schaden- und Unfallversicherung: Schadenaufwendungen und Kosten im Verhältnis zu den Beiträgen, aufgeteilt in Schadenquote plus Kostenquote. 2024 bei 99,6 Prozent, für 2025 erwartet der GDV rund 90 Prozent. Jeder Use Case muss sich zuordnen lassen, ob er auf den Schaden- oder auf den Kostenteil wirkt. Quelle: GDV-Jahresmedienkonferenz, Stand 04.02.2026 — https://www.gdv.de/gdv/statistik/jahresmedienkonferenz-zahlen-und-daten/schaden-und-unfallversicherung-schaden-kosten-quote-165740
  • Dunkelverarbeitungsquote — Anteil der Geschäftsvorfälle, die mittels automatisierter Prüfmechanismen fallabschließend bearbeitet werden, ohne Eingriff eines Sachbearbeiters; erhoben über Antrag/Policierung, Vertragsänderung, Schaden/Leistung und Kündigung. Sach/Unfall 33,5 Prozent (2023) gegenüber 23 Prozent (2019), Kranken 32,5 Prozent (2023) gegenüber 18,5 Prozent (2019). Quelle: GDV, veröffentlicht 11.11.2024 — https://www.gdv.de/gdv/themen/digitalisierung/wie-die-versicherer-ihre-prozesse-zunehmend-automatisieren-183966
  • Automatisierte Abschluss- und Policierungsquote — 19,1 Prozent aller Versicherungsverträge werden automatisiert policiert, in der Kfz-Versicherung 24,1 Prozent. Quelle: AssCompact zur GDV-Erhebung, November 2024 — https://www.asscompact.de/nachrichten/wie-die-dunkelverarbeitungsquote-voranschreitet
  • Durchlaufzeit je Vorgang — die Größe, in der Schadenabteilungen Fortschritt tatsächlich messen. Berichtete Sprünge: 6 bis 8 Wochen auf wenige Tage (DOMCURA), jeder Bearbeitungsschritt binnen 24 Stunden (inca), über drei Tage auf rund 180 Sekunden im Posteingang (MRH Trowe). Quelle: Bitkom, „Beyond the Pilot“, März 2026, S. 11–15 und S. 18–19 — https://www.bitkom.org/sites/main/files/2026-03/bitkom-whitepaper-beyond-the-pilot-kuenstliche-intelligenz-in-der-versicherungswirtschaft.pdf
  • Schadenaufwand und Schadenkosten — inca weist eine Senkung der Schadenkosten um rund sieben Prozent aus, insbesondere durch beschleunigte Prozesse und KI-gestützte Betrugserkennung. Quelle: Bitkom, „Beyond the Pilot“, März 2026, S. 11 — https://www.bitkom.org/sites/main/files/2026-03/bitkom-whitepaper-beyond-the-pilot-kuenstliche-intelligenz-in-der-versicherungswirtschaft.pdf
  • Betrugsschaden und Auffälligkeitsquote — über sechs Milliarden Euro Schaden pro Jahr; rund zehn Prozent aller Schadenmeldungen in der Schaden- und Unfallversicherung gelten als dubios, die Hälfte davon entfällt auf Kfz. Der Anteil ist langfristig stabil, es sind die steigenden Leistungen, die die absoluten Betrugskosten treiben. Quelle: GDV, 02.05.2024 — https://www.gdv.de/gdv/medien/medieninformationen/versicherungsbetrug-verursacht-schaeden-von-ueber-sechs-milliarden-euro-im-jahr-176852
  • Betrugsaufdeckungs- und Erkennungsquote — 130 Prozent mehr identifizierte Betrugsfälle bei 52 Prozent schnellerer Schadenbearbeitung innerhalb von drei Monaten (a68/INZMO); 95,4 Prozent Erkennungsgenauigkeit bei 1,4 Prozent bestätigter Betrugsquote der geprüften Fälle (VAARHAFT). Quelle: Bitkom, „Beyond the Pilot“, März 2026, S. 12–14 — https://www.bitkom.org/sites/main/files/2026-03/bitkom-whitepaper-beyond-the-pilot-kuenstliche-intelligenz-in-der-versicherungswirtschaft.pdf
  • Nutzen je Schadenfall — 5 bis 10 Euro je geprüftem Fall, im Piloten 6.284 Euro, hochgerechnet auf 18.000 Schadenfälle pro Jahr über 100.000 Euro jährlich (VAARHAFT). Diese Pro-Fall-Größe ist der ehrlichste Umrechnungsschlüssel für Nutzenrechnungen in der Schadenbearbeitung. Quelle: Bitkom, „Beyond the Pilot“, März 2026, S. 14 — https://www.bitkom.org/sites/main/files/2026-03/bitkom-whitepaper-beyond-the-pilot-kuenstliche-intelligenz-in-der-versicherungswirtschaft.pdf
  • Kosten je Vorgang — rund 0,14 US-Dollar pro verarbeitetem Brief gegenüber einem Zielwert von 0,25 US-Dollar, bei rund 95 Prozent Erkennungsrate und etwa jedem zweiten Dokument vollständig Ende-zu-Ende automatisiert (MRH Trowe). Quelle: Bitkom, „Beyond the Pilot“, März 2026, S. 19 — https://www.bitkom.org/sites/main/files/2026-03/bitkom-whitepaper-beyond-the-pilot-kuenstliche-intelligenz-in-der-versicherungswirtschaft.pdf
  • Kostenquote in Basispunkten — die Allianz plant konzernweit mit Effizienzgewinnen von jährlich 30 Basispunkten bei der Kostenquote in der Sachversicherung und mit 1 bis 2 Prozentpunkten Vertragswachstum pro Jahr, davon rund 0,5 Prozentpunkte aus Stornovermeidung. In dieser Granularität sprechen Vorstände über KI-Nutzen. Quelle: Bitkom, „Beyond the Pilot“, März 2026, S. 21–22 — https://www.bitkom.org/sites/main/files/2026-03/bitkom-whitepaper-beyond-the-pilot-kuenstliche-intelligenz-in-der-versicherungswirtschaft.pdf
  • Beitragseinnahmen als Bezugsgröße — Schaden- und Unfallversicherung rund 99,7 Milliarden Euro bei knapp acht Prozent Wachstum, dagegen die Schadeninflation mit rund 4,5 Prozent höheren Schadenaufwendungen gegenüber dem Vorjahr. Quelle: GDV-Statistik zur Geschäftsentwicklung in der Schaden- und Unfallversicherung, Stand 17.09.2025 — https://www.gdv.de/gdv/statistik/statistiken-zur-deutschen-versicherungswirtschaft-uebersicht/schaden-und-unfallversicherung/geschaeftsentwicklung-in-der-schaden-unfallversicherung-137938
  • Prüfaufwand und Trefferquote in der Leistungsprüfung — Ressourcenaufwand minus 25 Prozent, detaillierte Prüfungen minus 30 Prozent, eingesparte Summe plus 30 Prozent, durchschnittlich fünf Millionen Euro Einsparung pro Jahr bei doppelter Trefferquote auf rund 100.000 Klinikrechnungen jährlich (Versicherungskammer Bayern, „StARS“). Quelle: Ärzte Zeitung, 10.12.2019 — https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Rechnungspruefung-auf-neue-Fuesse-gestellt-404881.html
  • Kanalquoten in der Kundenkommunikation — E-Mail stagniert bei 54 Prozent, Papierpost sank von 36 Prozent (2019) auf 23 Prozent (2023), Kundenportale stiegen von 10 auf 22 Prozent. Der Automatisierungsgrad hängt direkt am Strukturierungsgrad des Eingangskanals. Quelle: AssCompact zur GDV-Erhebung, November 2024 — https://www.asscompact.de/nachrichten/wie-die-dunkelverarbeitungsquote-voranschreitet

Häufige Fragen

Nach welchem Kriterium ordnen Versicherer KI-Anwendungsfälle, bevor sie über Nutzen und Aufwand sprechen?

Nach der Hälfte der Combined Ratio, auf die ein Fall wirkt. Die Schaden-Kosten-Quote setzt Schadenaufwendungen und Kosten ins Verhältnis zu den Beiträgen und zerfällt in Schadenquote plus Kostenquote; sie lag 2024 bei 99,6 Prozent, für 2025 werden rund 90 Prozent erwartet (GDV-Jahresmedienkonferenz, Stand 04.02.2026 — https://www.gdv.de/gdv/statistik/jahresmedienkonferenz-zahlen-und-daten/schaden-und-unfallversicherung-schaden-kosten-quote-165740). Eine schnellere Schriftgutsteuerung im Posteingang und eine höhere Betrugsaufdeckung stehen sonst nebeneinander in derselben Liste, zahlen aber auf verschiedene Teile derselben Zahl ein und konkurrieren trotzdem um dasselbe Budget und dieselben Innendienstkräfte. Erst wenn diese Zuordnung steht, lässt sich der erwartete Nutzen in Schadenquote oder Kostenquote ausdrücken statt in eingesparten Stunden.

Warum ist dieselbe Risikoprüfung in einer Kompositsparte ein Standardfall und in der Lebensversicherung ein Hochrisiko-Fall?

Weil die KI-Verordnung an der Sparte ansetzt und nicht am Arbeitsschritt. Anhang III Nr. 5 lit. d erfasst KI-Systeme, die bestimmungsgemäß für die Risikobewertung und Preisbildung in Bezug auf natürliche Personen im Fall von Lebens- und Krankenversicherungen verwendet werden sollen; dieselbe Tätigkeit in einer Schaden- und Unfallsparte fällt nicht darunter. Für die Hochrisiko-Variante greifen Pflichten zu Risikomanagementsystem, Daten-Governance, technischer Dokumentation, Aufzeichnung, Transparenz, menschlicher Aufsicht, Genauigkeit, Robustheit und Cybersicherheit, Qualitätsmanagementsystem und regelmäßiger Konformitätsbewertung — ein Aufwandsprofil, das der Kompositfall nicht trägt. Diese Pflichten gelten für Anhang-III-Systeme ab dem 2. Dezember 2027: Die Verordnung (EU) 2026/1744 („Digital Omnibus on AI“) hat am 27.07.2026 den Art. 113 Abs. 3 lit. c geändert und Kapitel III Abschnitte 1 bis 3 verschoben. Ältere Einordnungen nennen noch den 2. August 2026 — so auch die Deutsche Aktuarvereinigung am 19.12.2024, ein Jahr vor der Änderung. Ebenfalls Hochrisiko und in Use-Case-Listen der Branche regelmäßig übersehen sind nach Anhang III Nr. 4 die eigenen Personalprozesse des Versicherers, also KI in Einstellung, Auswahl, Beförderung und Kündigung. Quellen: KI-Verordnung, konsolidierte Fassung vom 27.07.2026 (Anhang III, Art. 113 Abs. 3 lit. c) — https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:02024R1689-20260727; Anhang III im Überblick — https://ai-act-law.eu/de/anhang/3/; Deutsche Aktuarvereinigung, 19.12.2024 (Stand vor der Änderung) — https://aktuar.de/de/wissen/magazine/detail/verordnung-ueber-kuenstliche-intelligenz-ai-act-in-kraft-was-aktuarinnen-und-aktuare-jetzt-darueber-wissen-sollten/.

Welche deutschen Aufsichtsanforderungen kommen bei einem Dunkelverarbeitungs-Vorhaben zur KI-Verordnung hinzu?

Vor allem die MaGo. Das BaFin-Rundschreiben 09/2025 (VA) zu den Mindestanforderungen an die Geschäftsorganisation, veröffentlicht am 14.07.2025 und anzuwenden seit 14.10.2025, enthält erstmals ein eigenes Kapitel zu automatisierten Geschäftsabläufen: Sie sind transparent abzubilden, und die Funktionstrennung muss gewahrt bleiben (https://www.bafin.de/SharedDocs/Veroeffentlichungen/DE/Rundschreiben/2025/rs_rundschreiben_09_25_va.html). Hinzu kommt DORA: KI-Systeme sind IKT-Assets, ihre Risiken damit IKT-Risiken samt Erfassung, Steuerung und Drittparteienmanagement (Bitkom, „Beyond the Pilot“, März 2026, S. 25 — https://www.bitkom.org/sites/main/files/2026-03/bitkom-whitepaper-beyond-the-pilot-kuenstliche-intelligenz-in-der-versicherungswirtschaft.pdf). Für die Aufwandsschätzung heißt das zweierlei: Die Übersteuerbarkeit durch den Sachbearbeiter ist Pflichtbestandteil und deckelt den erreichbaren Automatisierungsgrad, während sich vieles, was für DORA bereits gebaut wurde, auf KI-Systeme übertragen lässt.

Wie hoch ist die Dunkelverarbeitungsquote in der deutschen Assekuranz, und taugt sie als Ausgangswert für den Schadenprozess?

Die Sach- und Unfallversicherer bearbeiteten 2023 33,5 Prozent ihrer Geschäftsvorfälle fallabschließend ohne Eingriff eines Sachbearbeiters, nach 23 Prozent im Jahr 2019; die Krankenversicherer kamen auf 32,5 gegenüber 18,5 Prozent (GDV, veröffentlicht 11.11.2024 — https://www.gdv.de/gdv/themen/digitalisierung/wie-die-versicherer-ihre-prozesse-zunehmend-automatisieren-183966; ein aktuellerer öffentlicher Stand liegt nicht vor). Als Ausgangswert für ein einzelnes Vorhaben taugen diese Zahlen nicht: Der GDV erhebt über Antrag und Policierung, Vertragsänderung, Schaden und Leistung sowie Kündigung, veröffentlicht das Ergebnis aber nur je Sparte und nicht je Prozessart. Wer die Quote im Schadenprozess heben will, muss den eigenen Ist-Wert im Haus erheben. Zur Einordnung des Antragswegs: 19,1 Prozent aller Versicherungsverträge werden automatisiert policiert, in der Kfz-Versicherung 24,1 Prozent (AssCompact zur GDV-Erhebung, November 2024 — https://www.asscompact.de/nachrichten/wie-die-dunkelverarbeitungsquote-voranschreitet).

Woran hängt die Wirtschaftlichkeit eines KI-Falls in der Schadenbearbeitung — am Modell oder am Mengengerüst?

Am Mengengerüst, denn die belegten Nutzenwerte sind Pro-Fall-Größen. VAARHAFT rechnet für die Bildprüfung vor der Regulierung mit 5 bis 10 Euro je Schadenfall, was im Piloten 6.284 Euro ergab und hochgerechnet auf 18.000 Schadenfälle pro Jahr über 100.000 Euro jährlich (Bitkom, „Beyond the Pilot“, März 2026, S. 14 — https://www.bitkom.org/sites/main/files/2026-03/bitkom-whitepaper-beyond-the-pilot-kuenstliche-intelligenz-in-der-versicherungswirtschaft.pdf). Eine öffentliche Quelle dafür, wie viele Schadenfälle in Deutschland pro Jahr reguliert werden, existiert nicht — diese Bezugsgröße muss aus dem eigenen Bestand kommen, sonst ist die Rechnung nicht nachprüfbar. Hinzu kommt, dass der Nutzen hier selten Personalabbau heißt: Über 30 Prozent der Mitarbeitenden deutscher Versicherer gehen in den kommenden fünf bis zehn Jahren in den Ruhestand, und bei DOMCURA wurden 12 Stellen einer 43-köpfigen Schadenabteilung gestrichen, weil sie ohnehin nicht besetzt werden konnten (Bitkom, März 2026, S. 11 und S. 15).